Hier entsteht ein kleines "Tagebuch"
unserer Ostsee-Umrundung 2017
- inklusive dem Kola-Highway durch Russland


10 auf einen Streich

Das Foto in einem Reisebericht erregte meine Aufmerksamkeit. Nach einem kurzen Blick auf die Bildunterschrift war mein Interesse vollends geweckt. Dort war das Wort "Polarkreis" zu lesen und auf dem abgebildeten Monument konnte ich kyrillische Schriftzeichen ausmachen. Michael und ich hatten in den letzten Jahren fast alle Polarkreise überquert, die man mit einem Motorrad auf öffentlichen Straßen erreichen kann. Der spektakulärste in unserer Sammlung ist dabei sicherlich der Polarkreis auf dem kanadischen Dempster-Highway - eine 700 Kilometer lange Schotterpiste, die im Sommer in Inuvik endet. Bei dieser Tour durch Alaska hatten wir zum Schluss auch noch den Dalton-Highway im nördlichsten Bundesstaat der USA in Angriff genommen. Auch dieser Highway verläuft als Versorgungsstraße über den Polarkreis bis zum Startpunkt der Alaska-Pipeline an der Prudoe Bay. Die Straßenreifen unserer voll bepackten BMWs waren zu diesem Zeitpunkt aber bereits zu stark abgefahren. Wenn dann noch Regen dazu kommt, wird der unbefestigte Dalton zu einer glitschigen Angelegenheit, die bei dem massiven LKW-Verkehr auch schnell gefährlich werden kann, wenn man plötzlich im Schlamm eine Pirouette dreht und auf der Nase bzw. Straße liegt.
Ein Polarkreis in Russland, das wäre doch noch etwas für unsere nächste große Motorradtour. Die Vorbereitungen für eine erweiterete Runde um die Ostsee liefen nach einer kurzen Absprache mit Michael sofort an. Die Strecke enthält jedoch eine Staatsgrenze, die sich nicht so einfach überqueren lässt, wie alle anderen. Für die Einreise nach Russland benötigt man ein Visum. Das muss vorab besorgt werden, da man es nicht an der russischen Grenze bekommen kann. Für dieses Visum wird genaugenommen eine Einladung aus Russland benötigt. Man könnte sich jetzt selbst mit seinem Reisepass auf den Weg zur Botschaft machen und versuchen alles selbst zu organisieren. Es gibt aber auch Agenturen, die den nötigen bürokratischen Teil - inklusive der besagten Einladung - für 85 Euro (plus 6 Euro Rückporto) pro Visum erledigen. Solch eine Agentur findet man bequem im Internet. Dort sind auch die nötigen Formulare hinterlegt, die man auf dem Bildschirm ausfüllen und ausdrucken kann. Diese schickt man dann mit seinem gültigen Reisepass und einem aktuellen biometrischen Passfoto der Agentur zu. Nach Zahlungseingang wird der Antrag bearbeitet und man bekommt nach zirka 14 Tagen seinen Pass mit dem eingeklebten Visum wieder zurückgeschickt.
Auf der Liste der benötigten Formulare stehen allerdings noch weitere: der Nachweis einer Auslands-Krankenversicherung, die von Russland anerkannt ist, muss ebenso dem Visaantrag beigelegt werden, wie der Nachweis der Rückkehrwilligkeit in sein Heimatland. Das kann z.B. eine Gehaltsabrechnung, ein Nachweis über Grundbesitz oder eine Firmenanmeldung sein. Für sein Fahrzeug wird eine "Grüne Versicherungskarte" benötigt, auf der die Länderkennung "RUS" nicht durchgestrichen ist. Auch das ehemalige "D-Schild" darf das Fahrzeug an seiner Rückseite wieder schmücken, selbst wenn auf dem Nummernschild das kleine "D" zu sehen ist. Es ist auch ratsam einen Internationalen Führerschein in der Tasche zu haben, der allerdings nur in Verbindung mit dem nationalen gültig ist. Also gleich ein paar Passfotos mehr ausdrucken lassen.
Wir sind schon mal gespannt, was uns nach der angeblich mehrstündigen Wartezeit an der russischen Grenze erwartet. Dort sind auf jeden Fall eine Migrationskarte und eine Zollerklärung auszufüllen. Der russische Staat ist daran interessiert, das nicht nur die eingereiste Person das Land wieder verlässt, sondern auch das mitgebrachte Fahrzeug. Sollte dieses in Russland "abhanden" kommen oder verschrottet werden müssen, werden bei der Ausreise nicht unerhebliche Zollgebühren fällig, weil erst einmal davon ausgegangen wird, man habe das Fahrzeug im Land verkauft. Dafür einen passenden Auslandsschutzbrief zu bekommen ist angeblich nicht ganz einfach, da er von vielen Versicherungen gar nicht angeboten wird.
Beim Visumsantrag war uns zunächst ein Formfehler unterlaufen. Wir hatten uns für das Touristenvisum entschieden, das grundsätzlich 30 Tage gültig ist. Als im Antrag die Fragen nach dem "Tag der Einreise" und dem "Tag der Ausreise" auftauchten, fingen wir an zu rechnen. Die geplante Route sollte uns durch Polen, Litauen und Lettland zum Grenzübergang nach Narva in Estland führen. Die Entfernung lässt sich in Tagen hochrechnen. Der sogenannte "Kola-Highway" durch Russland in Richtung Murmansk ist ca. 1600 Kilometer lang. Auch das lässt sich in Fahrtagen ausdrücken. Noch den einen oder anderen Tag Karenz dazu und man kennt in etwa die Zeit, die man sich in Russland aufhalten wird. Diesen "begrenzten" Zeitraum hatten wir zunächst in den Visumsantrag geschrieben. Meiner Conny war das gleich nicht geheuer: "Und was passiert, wenn ihr in Russland auf ein Ersatzteil warten müsst und es deshalb nicht mehr rechtzeitig zum Grenzübergang schafft?" Ein durchaus brechtigter Einwand. Wir schickten sofort einen geänderten Antrag los mit den Daten "Einreise: 1. Juli" und "Ausreise: 30. Juli". Wenn man in diesem Zeitfenster die Grenzen überquert, ist alles in Ordnung.
Die Zeit bis zum geplanten Start der Motorradtour verging mal wieder wie im Flug. Die Firma Bals, Spezialisten für ältere und ganz alte BMWs, hatte bei meiner 80 GS noch alle Flüssigkeiten gewechselt und neue Heidenau Stollenreifen aufgezogen. Bei Abholung hatte Heinz Bals den Motor noch einmal gestartet und mit einem geübten Griff an den Vergasern den Gleichlauf der Zylinder optimiert.
Am Samstag, dem 8. Juli 2017, sollte es losgehen. Freitagnachmittag bot sich endlich eine Gelegenheit zur Probefahrt. Mal kurz zu Michael ins 35 Kilometer entfernte Kirchlengern, so könnten wir noch die letzten Feinheiten für die morgige Abfahrt besprechen. Das Garmin-Navi bekommt in seiner Halterung am Lenker Strom über das Bordnetz der BMW. Wenn man es einsetzt leuchtet eigentlich sofort der Startbildschirm auf - heute nicht. Auch der Dreh am Zündschlüssel bringt keine Kontrolllampe zum Leuchten. Also Helm ab und schnell noch mal die Batterie laden! Alles vergebens, die Batterie nimmt keinen Strom mehr an. Sie scheint völlig "tot" zu sein, obwohl vor ein paar Tagen noch alles in Ordnung war. So etwas passiert natürlich immer kurz vor Feierabend! Einzige Chance könnte mal wieder Heinz Bals sein. Am Telefon erfahre ich, das er eine passende Batterie vorrätig hat und auch noch in seiner Werkstatt sein wird, wenn ich bei ihm nach Feierabend eintreffen würde. Es ist auch nicht das erste Mal, das er eine meiner Urlaubstouren gerettet hat - und es sollte auch nicht das letzte Mal sein.
Auf dem Rückweg halte ich mit dem Auto noch kurz bei Michael an und berichte von dem Malheur mit der Batterie. Auch er hatte bei seiner 1200 GS Probleme mit einer Batterie gehabt, die allerdings nur die Diebstahlsicherung mit Strom versorgt. Er packt zur Vorsicht ein Überbrückungskabel ein. Ich habe ein Abschleppseil im Gepäck, falls wir ein defektes Motorrad irgendwie aus Russland wieder herausbekommen müssen. Beides werden wir hoffentlich nicht brauchen ...

Samstag, 8. Juli
Am Samstagmorgen muss zunächst noch das Ladegerät abgeklemmt werden, bevor auch der Packsack auf der Sitzbank festgeschnallt werden kann. Zwei Alukoffer und ein Tankrucksack komplettieren das Angebot, Gepäck unterzubringen. Schnell noch bei Kilometerstand 42.567 volltanken, dann kann es endlich losgehen.
Von Kirchlengern aus reihen wir uns direkt auf die Autobahn in Richtung Bad Oeynhausen - Hannover - Berlin ein. Für dieses Wochenende ist erhöhtes Verkehrsaufkommen angesagt worden, da einige Bundesländer zusätzlich Ferien bekommen, andere Urlauber sich schon wieder auf der Heimreise befänden. Wir sind freudig überrascht, dass wir selbst bis Hannover staufrei durchkommen. Hinter Hannover wird es in einer 12 Kilometer langen Baustelle noch einmal etwas zähflüssig, aber dann kommen wir ohne Verzögerungen gut voran. Es ist leicht bewölkt und ein frischer Fahrtwind weht durch das offene Visier.
Nach 300 Kilometern verlassen wir die Autobahn zu einem Tankstopp auf dem Autohof in der Nähe von Theeßen. Zum einen wollen wir noch einmal die Reichweite der Bikes überprüfen, zudem ist auch die Zeit für eine Mittagspause gekommen. Nachdem die Tanks gefüllt sind (ca. 19 Liter für meine 80 GS und etwas weniger für die GS 1200) und Michael auf den Startknopf seiner BMW drückt passiert bei seinem Motorrad rein gar nichts. Ein ähnlicher Fehler war vor ein paar Jahren in einem abgelegenen schwedischen Bergdorf schon einmal aufgetreten, nachdem wir in einem kleinen Geschäft unsere Wasservorräte aufgefüllt hatten. Damals half letztendlich nur Anschieben. Mit den vereinten Kräften eines Autofahrers, der freundlicherweise mit anfasst, springt der Motor wieder an. Die Batterie kann also nicht der Grund sein. Wir fahren die BMWs in Parkposition und stellen die Motoren ab. Das Mittagessen wollen wir uns nicht entgehen lassen. Zum Nachtisch dann die bange Frage: was wird gleich beim Druck auf den Anlasserknopf passieren? - Was in solch einem Fall eigentlich immer passiert: der Motor springt problemlos an.
Wir lassen Berlin "links liegen" und halten uns auf der A10 in Richtung Frankfurt/Oder. Als wir uns der Grenze zu Polen nähern wird der Verkehr dichter. Zeit für einen Trinkstopp. Vom Parkplatz aus sehen wir, wie sich die Fahrzeuge auf der Autobahn verdichten und schließlich zum Stillstand kommen. Das wird doch wohl kein Rückstau von der polnischen Grenze sein? Wohl kaum - Polen gehört zum Schengen-Raum, also keine Grenzkontrollen mehr. Ein Mann, der seinem kleinen Hund etwas Auslauf gönnt, spricht uns an: "Seid ihr auch auf dem Weg nach Masuren?" Nach kurzer Überlegung anworte ich: "Ja, da kommen wir auch durch." Als wir ihm von unserer geplanten Route rund um die Ostsee berichten, für die wir drei Wochen Zeit im Gepäck haben, bekommen wir den erstaunten Gesichtsausdruck zu sehen, den wir auf unserer Reise noch in mehreren Gesichtern wiedersehen werden.

Trinkpause

Die Fahrzeugschlange auf der Autobahn hat sich wieder in Bewegung gesetzt. Wir reihen uns ein. Der Grund für den Stau ist eine einspurige Baustelle, die wir ein paar Kilometer später passieren. An der polnischen Grenze selbst gibt es keinen Aufenthalt. Sonst standen bei der Einfahrt in ein Nachbarland immer deren zulässige Höchstgeschwindigkeiten am Straßenrand. Hier vermissen wir sie, da wir nicht gleich den „Wegelagerern“ in die Hände fallen wollen. Laut den Länderinformationen des ADAC sind für Motorräder innerorts in Polen 50 km/h, außerorts 90 km/h, auf Schnellstraßen 100-120 km/h und auf Autobahnen 140 km/h zugelassen.
Die "Straßenräuber" warten kurze Zeit später auf uns - nächster Halt: Mautstelle auf der polnischen Autobahn A2 - Ticket ziehen! Das kannte ich bis jetzt nur aus Frankreich. Da das Ticket am Ende auch bezahlt werden muss, fahren wir bei der nächten Raststätte ab, um uns nach einer Möglichkeit zum Geldtauschen umzusehen. Wir treffen den Mann mit seinem kleinen Hund wieder und fragen ihn, ob er diesbezüglch schon fündig geworden sei. "Der Geldautomat funktioniert nicht, aber drinnen ist eine Wechselstube", bekommen wir zur Antwort. Das Internet hatte einen Wechselkurs von 1:4,2 für den Sloty angekündigt. Michael macht sich mit einem 50-Euro-Schein auf den Weg und kommt mit einem Kurs von 1:3,8 zurück.
100 Kilometer später wird es mal wieder Zeit die Tanks zu fluten. An der Zapfsäule werde ich von einem Familienvater angesprochen: "Ihr seht so erfahren aus. Wo tauscht man denn hier am günstigsten Geld?" Ich berichte von unseren Erfahrungen kurz nach der Grenze. Als er aus dem Gebäude wieder herauskommt, berichtet er stolz von seiner Beute: Wechselkurs 1:4,2! - Also: wer zu früh tauscht, bekommt am wenigsten! Das Benzin auf der Autobahn schlägt pro Liter mit 5,39 Sloty (1,28 Euro) zu Buche. Auf der Landstraße wird es später ca. 1,05 Euro kosten. Also: wer zu früh tankt, zahlt am meisten!
Die Autobahn, für die man hier bezahlen muss, ist nagelneu und in einem entsprechend guten Zustand. Kurz vor unserem Tagesziel Posen stoppt die Zahlstelle unsere Fahrt. Die Kassenhäuschen sind erfreulicherweise besetzt. Michael fährt mit dem Bargeld vor und zahlt pro Motorrad 37 Sloty (8,80 Euro) für ca. 150 Kilometer Autobahnbenutzung.

Mautstelle

Zum ersten Mal ist die Straße nass, der Schauer aber bereits vorbei. Nur das Spray der Vorausfahrenden trübt die Sicht auf den hellen Streifen am Horizont, dem wir in den nächsten Tagen noch öfter nachjagen werden. Die Autobahn verläuft weiter in Richtung Warschau. Bevor wir sie auf der 430 in Richtung Zentrum Posen verlassen, kommen wir an einer weiteren Ticket-Station vorbei. Sie befindet sich allerdings noch im Bau. Der anvisierte Zeltplatz liegt am Stadtrand von Posen am Malta-See, auf dem im Jahre 2009 die Ruder-Weltmeisterschaften ausgetragen wurden. Das Navi hat sich als schnellste Strecke eine Route quer durch die Stadt ausgesucht. Was das Navi nicht wusste: ein Polizeiwagen fährt anscheinend den selben Weg. An so mancher Ampel kommen wir immer wieder nebeneinander zum Stehen. Kavalierstarts und Sprints bis zur nächsten roten Ampel verkneifen wir uns besser.

CampingMalta

Etliche Kreisverkehre später erreichen wir das "Camping-Hotel Malta". Der Platz bietet neben Stellplätzen für Wohnmobile etliche Hütten als Übernachtungsmöglichkeiten an. Nach einer Tagesetappe von 665 Kilometern steht uns der Sinn sowieso nicht unbedingt nach Zeltaufbau. Wir beziehen für 264 Sloty (63 Euro) eine feste Unterkunft mit Veranda, Bad und Fensehzimmer. Im Preis ist auch ein Frühstück enthalten.
Die Motorräder stehen gegenüber der Hütte auf einem Parkstreifen. Am Abend gibt es im platzeigenen Restaurant etwas Leckeres für umgerechnet insgesamt 22 Euro auf den Teller und in die Gläser.

Karte01

Tagesetappe: 665 Kilometer


Sonntag, 9. Juli